Interview – 25 Jahre Missionare unter Spanisch Sprechenden

Jobcenter, Sozialarbeiter und Bankfiliale


 

Miguel, du und deine Frau Isabel, ihr seid nun schon 25 Jahre lang Missionare der MSOE. Wie kam es dazu?

Durch das deutsch-englische Ehepaar Georg und Rosalie Schmid wurdenwir in eine Jugendstunde eingeladen. Ich selbst verstand dort zunächst nicht viel. Erst als ich einen Jugendbibelkurs machte, begriff ich, warum Jesus für mich gestorben war. Es war, als wenn mir jemand auf einmal die Augen geöffnet hätte. Vergleichbar mit jemandem, der nicht gut Mathe kann und plötzlich komplizierte Formeln versteht. Das war ein großes Erlebnis, das mein Leben völlig veränderte. Isabel und ich beschlossen: Unser Leben soll ganz dem Herrn gehören. Wir planten, als Missionare nach Spanien oder Lateinamerika zu gehen. Dafür gingen wir zunächst zu einer Bibelschule. In dieser Zeit hatten wir schon Kontakt zur MSOE. Ernst Fehler schickte uns jedes Jahr zu Weihnachten 100 DM. Er hatte immer ein Auge auf die ausländischen Gläubigen, auf deren Entwicklung. Eines Tages lud er uns zur Mitarbeit ein. Das wurde für uns sehr spannend, weil wir ja ins Ausland gehen wollten. Wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten. Aber nach einer Zeit des Gebets kamen wir zu der Erkenntnis, dass dasder Weg Gottes für uns ist. So sind wir Missionare der MSOE geworden und das sind wir auch gerne.

 

Wo siehst du die besonderen Stärken einer international geprägten Gemeinde?

Ich bin der Meinung, dass unsere Gesellschaft in Deutschland international ist, multikulturell und vielsprachig. Die meisten Gemeinden in Deutschland spiegeln diese Realität aber nicht wider. In unserer Gemeinde haben wir jetzt über 20 Nationalitäten. Und seitdem stellen wir fest, dass die Schwelle, in eine Gemeinde zu kommen, niedriger geworden ist. Man findet dort meistens Menschen mit der Sprache und Kultur, mit der man selbst aufgewachsen ist.

 

Ausländer in Deutschland lassen sich leichter in eine internationale Gemeinde einladen?

Ja, auf jeden Fall. Wir wissen von Menschen, die sagen: „Ich wäre nie in eine deutschsprachige Gemeinde gegangen, aber mit dieser Gemeinde hier identifiziere ich mich.“ Das muss nicht generell so sein, aber für die Evangelisation – für das Erreichen der Migranten – ist diese Andersartigkeit, mit der die Leute sich identifizieren, wichtig. Es ist eine sehr lebendige, sehr dynamische Gemeinde. Auch die Gottesdienste sind sehr herzlich. Wir haben den Eindruck, dass die Menschen bei uns auch etwas bekommen. Sie hören sich nicht nur eine Predigt an, sie sind Teil des Gottesdienstes und fühlen sich zugehörig.

 

Welche besonderen Herausforderungen gibt es in einer Gemeinde für Spanisch Sprechende?

Das ist sicherlich je nach Situation unterschiedlich. Zurzeit kommen viele Spanier nach Deutschland und suchen Halt in unseren Gemeinden. Oft kommt man nicht, weil Gottes Wort gepredigt wird, sondern weil man Menschen zu finden hofft, die Hilfe geben können. Das ist die besondere Herausforderung, neben dem Evangelium eine ganzheitliche Hilfe bieten zu können. Nicht nur: Gott hilft. Sondern: Wie können wir als Christen den Menschen in ihrer jeweiligen schwierigen Lage eine Hilfestellung bieten? Eigentlich bräuchten wir ein Jobcenter, mehrere Sozialarbeiter und eine Bankfiliale. Dann könnten wir ganzheitlich helfen. Aber wir wissen, dass der Glaube alleine Menschen tröstet und Frieden schenkt. Und wir tun alles Mögliche, um den Menschen zu helfen. Sie wissen ja, dass wir auch unsere Grenzen haben. Aber vielleicht ist die größte Hilfe, dass sich die Menschen verstanden fühlen.

 

Die Wirtschaftskrise in Spanien wirkt sich also direkt auf eure Arbeit aus?

Ja. Die Menschen kommen nach Deutschland und kennen die Strukturen nicht. Sie sind davon abhängig, dass ihnen jemand hilft. In den 60er-Jahren, als die ersten Gastarbeiter kamen, war alles organisiert – Übersetzer, Wohnung usw. Sie mussten sich um nichts kümmern. Jetzt ist das anders. Da sind die Gemeinden herausgefordert. Unsere Möglichkeiten sind aber schnell erschöpft. Doch wir haben schon mehrere Leute, die aus dieser Welle neuer Migranten in die Gemeinde gekommen sind und sich bekehrt haben. Die Notsituation hat sie offen dafür gemacht, Jesus aufzunehmen.

 

Was können deutsche Christen von Spanisch Sprechenden lernen und umgekehrt?

Ich weiß, was spanische Christen von deutschen lernen können: Ordnung, Pünktlichkeit und bestimmte Dinge auch in der Vorbereitung vieler Sachen. Interessant ist, dass in unserer Gemeinde bei Gottesdienstbeginn erst 1/3 der Leute da ist. Und erst eine halbe Stunde später, kurz vor der Predigt vielleicht, hat sich der Saal gefüllt.

Ihr fangt aber um 10 Uhr an?

Wir fangen an, egal, wie viele da sind. Das haben wir von unseren deutschen Geschwistern gelernt (lacht). Wir haben ja parallele Gottesdienste und wenn wir nicht pünktlich anfangen, bekommen wir Probleme mit der Sonntagschule. Die Sonntagschule machen wir gemeinsam. Aber es ist nicht nur die Ordnung, es ist eine gewisse Verantwortlichkeit, die ganz bewusst Dinge in Bewegung setzt – weil das geplant ist. Daraus lernen wir. Wenn wir eine Sitzung nach deutschem System durchführen, dann klappt das besser als wenn wir denken: Wir schauen mal, wie‘s wird.

 

Und was können Deutsche von Spanisch Sprechenden lernen?

Vielleicht Spontanität. Man kann den Ernst des Lebens auch erleben, wenn man spontan ist. Ich merke schon, dass sich in den letzten fünf bis zehn Jahren auch in deutschen Gemeinden vieles gelockert hat. Man ist herzlicher. Nicht, dass man vorher nicht herzlich war, aber der Ausdruck von Herzlichkeit ist in letzter Zeit bewusster geworden. Die Deutschen sind spanischer geworden in den letzten Jahren.

 

Wie können sich deutsche Gemeinden für Migranten öffnen?

Ausländer brauchen eine herzliche, offene Art. Sie wollen nicht nur hören „Ihr seid willkommen“. Sie wollen das auch erleben. Dann blühen sie auf. Der Migrant muss erfahren – nicht nur hören – ich werde als Freund aufgenommen. Vor Kurzem besuchte eine Frau aus Angola zum ersten Mal unsere Gemeinde. Sie spricht Portugiesisch. Sie kam und versuchte zunächst einmal herauszufinden, wie sie da hineinpasst. Die anderen sind Europäer und Lateinamerikaner, und sie kommt aus Afrika. Sofort stand eine Frau auf und sagte: „Komm, setz dich zu mir.“ Das war schon mal eine Geste: Du brauchst nicht alleine da zu sitzen. Als sie letzten Sonntag Geburtstag hatte, sind einige Frauen mit zu ihr gegangen, haben mit ihr Geburtstag gefeiert. Sie haben Fotos gemacht und bei Facebook eingestellt mit dem Kommentar: „Das ist unsere neue Freundin.“ Sie braucht das. Sie hat durch bestimmte Gesten sofort gespürt: Die teilen jetzt ihr Leben mit mir.

 

Wie hat sich eure Arbeit im Laufe der letzten 25 Jahre verändert?

Früher sind wir von Haus zu Haus gegangen. Wir haben die Leute aus ihrer Situation herausgeholt. Zurzeit ist es so, dass unsere Gottesdienste eine Art ständige Evangelisation sind, weil Außenstehende jetzt von Christen eingeladen werden und in den Gemeinden das Wort Gottes hören. Sie sind nicht mehr abgeneigt, in den Gottesdienst zu kommen. Das macht die Arbeit nicht leichter, aber die Arbeitsweise hat sich verändert. Wir legen auch viel Wert auf Mitarbeiterschulung, z.B. haben wir in Mannheim alle zwei Wochen ein Seminar für Evangelisation. Dort werden grundlegende Themen und Hilfen für Evangelisation angeboten. Und jeden Samstag sind wir in der Fußgängerzone und begegnen dort den Menschen. In diesem Monat haben sich schon drei Leute auf der Straße bekehrt. Wir selektieren nicht. Es ist egal, welcheNationalität jemand hat. Die meisten sehen die Flaggen an unserem Büchertisch und kommen auf uns zu. Wir haben Literatur in etwa 70 Sprachen. Folgendes hat sich geändert: Wir bereiten Mitarbeiter auf die Mission vor und sind ihnen Vorbild. Früher ist der Missionar alleine unterwegs gewesen, jetzt arbeitet man mehr im Team.

Mission spielt in eurer Arbeit eine große Rolle.

Genau. Unser Ziel ist nicht Gemeindeentwicklung. Für uns geht’s immer um die Menschen außerhalb der Gemeinde. Wir feiern Gottesdienst nicht um unseretwillen, sondern die ganze Arbeit – Gottesdienst, Hauskreis usw. – richtet sich nach außen. Klar gibt’s auch Seelsorge in der Gemeinde …Aber grundsätzlich ist die Ausrichtung nach außen. Nicht nur die im Boot sind wichtig, sondern die, die noch einsteigen sollen. Das spiegelt sich auch im Gemeindeleben wider. Unsere Hauskreise z.B. sind evangelistisch. Und unser Ziel ist, dass sich ein Hauskreis jedes Jahr teilt. Die ganze Hauskreisarbeit ist darauf ausgerichtet, dass neue Leute dazukommen.

 

Aber auch Weltmission ist ein Thema Ein großes Thema.

Mindestens 25 junge Männer und Frauen aus den spanischsprachigen Gemeinden in Deutschland haben eine theologisch-missionarische Ausbildung gemacht. 15 sind als Missionare irgendwo auf der Welt im Einsatz, zwei sind im Prozess der Ausreise. Die anderen setzen sich als Mitarbeiter in den Gemeinden ein.

 

Miguel, ich danke dir für das Gespräch! Gott segne dich und deine Familie. Gottes Segen auch für eure Arbeit.

 



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